Hallo und herzlich willkommen beim Pilgerheini aus dem Ruhrgebiet.


02.05.2008


Wer mich kennt und jetzt das Bild betrachtet, wird sich vielleicht fragen: Ist er das tatsächlich? Ja, ich bin ein Pilger geworden. Einige werden sich auch fragen: Warum hat der das gemacht? Zu Fuß durch Spanien, ist der noch ganz richtig im Kopf? Aber auch ich habe mich immer wieder gefragt: Soll ich das machen, schaffe ich das, will ich das? Am Ende meiner Überlegungen stand dann als Ergebnis fest: Ja, ich will!

Immer mehr Menschen zieht es auf den Jakobsweg, gleich welchen Alters oder welcher Herkunft. Etwas lockt sie. Der Weg ruft. Und wer einmal geantwortet hat, den wird es immer wieder auf den Weg ziehen. Jahr für Jahr werden diejenigen, die aufgebrochen sind, zu Rückkehrern, die gar nicht daran denken, zu Hause zu bleiben. Wer den Weg einmal ganz bis Santiago de Compostela ging, sucht sich andere Wege oder geht ihn nochmal. Geschichten dazu gibt es viele, wie es Pilger gibt. Viele finden Worte und erzählen auch davon, manche beginnen zu schreiben, denn der Jakobsweg macht kreativ. Sie entdecken, dass der Jakobsweg ihnen hilft, das eigene Leben zu deuten.

Oft wurde ich gefragt, warum ich mir das damals in meinem Alter zugemutet habe. Eine Antwort, die ich geben konnte, war: Warum hätte ich es nicht tun sollen? Mit dem Alter hat das nichts zu tun. Es kommt doch darauf an, wie jung man im Kopf ist. Und mit 68 ist man doch auch körperlich noch nicht zu alt. Vor meiner ersten Pilgerreise habe ich den Fehler gemacht, auf die Familie und Bekannte zu hören, die sagten, “mach mal langsam in deinem Alter” und bin nur einen halben Camino gelaufen. Das gefiel mir so gut, dass ich mir vorgenommen hatte, ihn mit 75 erneut zu gehen. Dann bin ich ihn aber bereits im nächsten und übernächsten Jahr wieder und mit 72 Jahren erneut gegangen. Oft ist mir auf den langen staubigen Wegen unterwegs die Zeit der Planungen wieder in den Sinn gekommen und ich erinnerte mich daran, wie alles begann.

Eines Tages bekam ich ein Buch über den Jakobsweg in die Hände und war von dem Inhalt des Buches fasziniert. Ich las es mehrmals und glaubte nach einiger Zeit, eine innere Stimme zu hören, die zu mir sagte: „Geh! Geh einfach!“

Ich nahm den Pilgerstab und die Muschel, machte mich auf den Weg und wanderte mehrere hundert Kilometer auf den Jakobswegen bis nach Santiago de Compostela. Was nach meinen Reisen geblieben ist, sind Erinnerungen und Erfahrungen, die mir nicht mehr genommen werden können. Viele Tagebüchlein habe ich mit nach Hause gebracht. Darin habe ich alles, was ich auf den einzelnen Etappen der langen Reisen gesehen und erlebt und worüber ich mit Pilgern unterwegs gesprochen habe, niedergeschrieben. Denn eins war mir bewusst; alles, auch jeder Mensch, ist einem steten Wandel unterworfen, weshalb ich heute nicht weiß, wie lange mir meine Erinnerungen bleiben. Irgendwann könnten sie mich im Stich lassen. Deshalb habe ich alles schriftlich dokumentiert, mir und anderen zu Liebe. Zusätzlich waren mir dabei auch Berichte anderer Pilger hilfreich, die diese auch gerade für diesen Zweck geschrieben haben. Sie sind ein Anker mit den unterschiedlichsten Gefühlen und Emotionen auf meinen Wegen, ein Portal, durch das ich schreiten kann, wenn es mir einmal nicht gut geht und ich vielleicht den Leitspruch „Es kommt, wie es kommt“ aus den Augen verliere. Fest steht aber, dass letztlich jeder Mensch seinen eigenen Weg alleine gehen muss. Und die Entscheidung, zu gehen, kann ihm niemand abnehmen.

Auf dem Weg war ich manchmal fix und fertig, aber später bekam ich die verlorenen Kräfte hundertfach wieder zurück. Meine Wanderung auf dem Camino hat mir gezeigt, dass "Bewegung das Leben ist und Leben die Bewegung" und dass die Herausforderung und die erlebten Abenteuer bei richtiger Vorbereitung keine Frage des Alters ist.
Die Frage ist berechtigt, was sich nun geändert hat, was seit dem „Jakobsweg“ anders ist?

Um es vorweg zu sagen: Ich bin immer noch ich. Veränderungen sind marginal. Aber was geblieben ist, sind Erinnerungen und Erfahrungen, die mir nicht mehr genommen werden können und die ich hier mir dem Leser teile. Viele Tagebüchlein voll von Gedanken und Berichten von Mitpilgern oder von sonderbaren und unerwarteten Begegnungen. In diesem Buch berichte ich über Erfahrungen, Gefühle und Momente eines Pilgers und erzähle über den Pilgeralltag auf den einzelnen Etappen meines Jakobsweges. Es würde mich freuen, wenn ich mit diesem Bericht dazu beitragen könnte, andere Menschen dazu zu bewegen, auch den Pilgerstock und die Muschel zu nehmen und zu pilgern. Vielleicht sogar auch auf dem Jakobsweg.

„Das große Abenteuer des Mittelalters ist zu neuem Leben erwacht. Der Jakobsweg. Millionen Menschen aus der ganzen Welt brechen auf, um nach Santiago de Compostela zu pilgern, zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren.

Im ersten Drittel des 9. Jh. wurden nach einer Legende im Nordwesten der Iberischen Halbinsel die unversehrten Gebeine des Apostels entdeckt. Den Leichnam hatten seine Anhänger zum Schutz vor den Sarazenen nach Spanien gebracht, wo er vorher den christlichen Glauben gepredigt hatte. In der Nähe des heutigen Kap Finistere am nordspanischen Atlantik wurde der Leichnam begraben.

Im Jahre 825 wurde die Grabstätte freigelegt. Mit Bezug auf ein unerklärliches Lichtzeichen über der Grabstätte erhielt der Fundort des zuvor so lange vergessenen Apostelgrabes den Namen „Santiago de Compostela“, was so viel heißt wie: Jakob vom Campo de Estrellas: Jakob vom Sternenfeld.

Die Nachricht von der Entdeckung des Apostelgrabes verbreitete sich in der gesamten Christenheit. Aus ganz Europa strömten Pilger herbei, einfache Leute, Heilige und Könige. Die Wallfahrten erlebten ihre Blütezeit zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert und der Jakobsweg wurde zum wichtigsten europäischen Pilgerweg. Im 16. Jh. ließ die Pilgerbegeisterung nach. Eine Neubelebung der Pilgerreisen fand dann im Jahre 1985 statt, als die Stadt Santiago de Compostela durch die UNESCO zum Kulturgut der Menschheit erklärt wurde. 1993 sind auch der Hauptweg durch Nordspanien, der „Camino Frances“, zum Kulturgut der Menschheit erhoben worden.

Ein weiterer Jakobsweg ist die im Süden Spaniens ab Sevilla verlaufende „Via de la Plata“. Der Weg ist etwa 1000 km lang und hat eine mindestens ebenso lange Geschichte. Diese Nord-Süd Verbindung kann aber als noch älter eingeschätzt werden, denn die Römer bauten nur Wege aus, die schon vor ihnen benutzt worden waren. So geht man davon aus, dass auf diesem Weg schon die Kelten einst durch das Land gezogen sind. Dieser also weit mehr als 1000-jährige Weg war damals die Wirbelsäule der Pyrenäenhalbinsel oder aber die Achse der römischen und später der arabischen Invasion, nicht zuletzt auch die Achse der Wiedereroberung. Geblieben sind als Meilensteine der riesigen Kultur und Geschichte die Kirchen, Brücken, Aquädukte und Kathedralen.

Während früher religiöse Gesichtspunkte im Vordergrund standen, sind heute für viele Pilger meditative oder sportliche Aspekte der Reise wichtig. Und das heutige Pilgern funktioniert bei vielen Menschen auch ohne die Kirche, im Gegensatz zum Wallfahren. Insbesondere auch, seit TV-Entertainer Kerkeling sich 2001 auf den berühmten Jakobsweg begab. Er hat mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ den Pilgern eine Hymne gegeben.

Ein Pilgerweg ist nicht nur eine Herausforderung, er bietet auch die Möglichkeit der Begegnung. Der Begegnung mit sich selbst, seinem Innersten, aber auch mit den unterschiedlichsten Menschen aus allen Winkeln der Erde. Ich treffe sie auf meiner Route, im Schatten eines hundert Jahre alten Baumes, in einer Bar unterwegs, in den Herbergen oder auf dem Gipfel eines Berges. Manche ziehen an mir vorbei, ein kurzer Blick, ein Nicken, man wird zurückgelassen wie viele der zahlreichen Kilometer auf dem Weg zum Ende der Welt. Andere wiederum trifft man unerwartet und doch zur rechten Zeit. Man trifft Retter oder Wegweisende. Oder man trifft Freundschaften, die man sonst vielleicht vergeblich sucht. Hier sind Kommunikationsschlüssel geeignet, um sich einander zu öffnen, insbesondere in Gemeinschaft der Pilger. Noch nie war miteinander reden so einfach. Warum gehst du? Wie geht es dir? Wie lange bist du schon unterwegs?

Errungenschaften und Meilensteine abseits des Weges zählen nicht. Besitz hat keine Relevanz, der Kontostand ist hier keine notwendige Größe. Aber nach fünf Minuten weiß man zum Beispiel vom tiefen Schmerz, vernimmt das Ohr einen Lebenslauf der fremden Seele. Die innere Stimme, das Bauchgefühl, das Gewissen. Die Musik des Herzens. Egal, wo das wahre Ich sitzt! Jahrelang versucht der Sender einen Empfänger zu erreichen. Wir unterdrücken das Mahnende in uns, wenden uns von der eigenen Wahrheit ab. Hier auf dem Weg bewegt sich nicht nur der Pilger, hier wandert die Stimme an die Oberfläche. Worte wie „würde“ oder das widersprechende „aber“ verlieren an Energie. Man begegnet Schicksalen. Menschen im Kampf gegen Krankheiten und gegen Unglück. Sie gehen dann ihren Weg. Egal, wohin er sie führt. Und sie gewinnen neue Kraft. Unglaubliche Kraft. Am Ende sitzen sie dann auf einer Klippe am Meer, am Ende der Welt. Die wenigsten dieser Menschen trifft man nach dem Weg wieder. Man nimmt es sich vielleicht vor. Doch eine goldene Regel besagt: Den Weg muss man alleine gehen. Aber sie sind immer zugegen, ein Leben lang. Ich schließe in besonderen, bewussten Momenten die Augen und da sind sie alle. Der Weg hat es sich verdient, dass ich sie immer wieder treffe.“

Ich hatte gelesen, dass immer mehr Menschen sich für die sich um den Jakobsweg rankenden Legenden und Geschichten interessieren, und dass man, wenn man sich erst mal näher damit befasst hat, nicht mehr davon los kommt. So erging es mir, als meine Tochter mir eines Tages nach meiner Pensionierung ein Buch zu lesen gab.

„Hier, für Dich, lies das mal, vielleicht gefällt es Dir ja“, meinte sie. „Ich habe es bereits gelesen, das ist bestimmt was für Dich, Du bist doch auch immer viel unterwegs“.

Ich sehe mir das Buch zunächst mal näher an und erkenne sofort den Autor auf der Titelseite. „Ich bin dann mal weg“, so lautet der Titel des Buches, aber das sagt mir wenig. Meine Tochter verriet mir über den Inhalt nichts, weshalb ich das Buch an die Seite lege, um es dann später bei Gelegenheit zu lesen. Und ich lese das Buch nicht einmal, sondern zweimal und bin von seinem Inhalt so inspiriert, dass ich nach sehr langen Überlegungen beschließe, auch zu pilgern.

Das Buch war also der Auslöser, denn bis dahin hatte ich noch nie etwas über den Jakobsweg gehört geschweige denn darüber gelesen. Es hatte also vorher nichts darauf hingewiesen, ein solches Unternehmen in Angriff zu nehmen, aber damit begann alles. Weitere Bücher über den Jakobsweg wurden gekauft und immer wieder gelesen. Ich meldete mich im Pilgerforum an und erhielt von erfahrenen Pilgern Antworten auf meine Fragen. So erfuhr ich, dass es viele Jakobswege in Europa gibt; die beiden bedeutendsten sind der in St. Jean Pied de Port im Süden Frankreichs beginnende „Camino Frances“ und die im Süden Spaniens ab Sevilla verlaufende „Ruta Via de la Plata“. Sie führen beide zum Sarkophag mit den Gebeinen des „Heiligen Jakobus“ in der Kathedrale von Santiago de Compostela.

Wenn ich zurück denke, wenn ich alles, was ich in den vergangenen Jahren erleben durfte, Revue passieren lasse, frage ich mich immer wieder, ob ich das alles denn tatsächlich erlebt habe. Doch, ich war auf dem Jakobsweg und ich bin sogar in Santiago de Compostela angekommen. Ehrlich, alleine hätte ich das alles nicht geschafft. Nein, das hätte ich mir doch nicht zugetraut. Deshalb suchte ich im Internet Mitpilger und hatte großes Glück, liebe und nette Menschen gefunden zu haben, die mich auf den langen Wegen bis an das Ende der Welt begleitet haben.

Wenn mich früher jemand gefragt hätte, ob ich mal den Jakobsweg gehen würde, hätte meine Gegenfrage gelautet, was ist das denn, der Jakobsweg, davon habe ich noch nie etwas gehört. Ja, und dann gab mir meine Tochter eines Tages dieses Buch. Rückblickend wundere ich mich heute noch darüber, dass ich dazu den Mut aufgebracht habe, dieses Unternehmen „Jakobsweg“ zu wagen, denn Mut und Kondition waren einige wichtige Voraussetzungen, die vorhanden sein müssen, um zu pilgern. Im Laufe vieler Monate hatte ich mir die nötige Kondition angeeignet und so konnte ich nur hoffen, es mit Gottes Hilfe zu schaffen. Ich bin dankbar dafür, dass Gott mich begleitet und beschützt hat.

Ich beschreibe hier meine jeweiligen Erlebnisse und Empfindungen während der Reisen, so wie ich sie in den Tagebüchern festgehalten habe. Auf meinen Jakobswegen habe ich vieles anders empfunden als danach und deshalb zum besseren Verständnis zusätzliche Erläuterungen und sinnvolle Ergänzungen hinzugefügt, welche jeweils mit "  ....."  versehen sind, damit sie sich deutlich von den Eintragungen in den Tagebüchern abheben.

„Den Entschluss zu fassen, sich auf den Weg zu machen, ist der erste Schritt, um aus dem Alltag auszubrechen, um sich der Hektik zu entziehen. Pilgern heißt Auszeit und Entdeckung der Langsamkeit. Unterwegs sein bedeutet den Blick weiten, sich überraschen lassen und sich neu öffnen. Pilgern ist Urlaub für die Seele und immer auch ein Weg zu sich selbst. Es ist die Erfahrung, das Gefühl der Freiheit zu spüren, im Hier und Jetzt zu leben. Der Körper braucht Zeit, um sich auf das ungewohnte Leben mit Gepäck einzustellen, sich zu überwinden, Anstrengungen zu akzeptieren und den eigenen Rhythmus des Gehens zu finden. Wer pilgert, stellt sich der Herausforderung, neue Pfade zu beschreiten und auf Luxus und Bequemlichkeit zu verzichten und wird dabei erstaunt feststellen, wie wenig zum Leben notwendig ist.“

Hatte ich während der letzten Jahre meiner beruflichen Tätigkeit oft Magen- oder Rückenbeschwerden, so waren diese seit meiner Pensionierung wie weggeflogen. Trotzdem ging ich zum Arzt, um mich auf meine Caminotauglichkeit untersuchen zu lassen. Und ich bekam grünes Licht. Mein Entschluss stand also fest, ich wollte den Jakobsweg auch gehen. Da ich den Weg nicht alleine pilgern mochte, suchte und fand ich in Monika und Jürgen ein Ehepaar aus dem Raum Stuttgart Mitpilger, mit denen alles weitere geplant wurde. Und dann begannen die Trainingsrunden in voller Montur um den Kemnader Stausee in Bochum, denn Kondition war wichtig. Wie sagte mal jemand im Pilgerforum:

„Neugier, Offenheit und die nötige Kondition, das sind die wichtigsten, ja vielleicht die einzigen Voraussetzungen, die jemand mitbringen muss, der den Jakobsweg über mehrere hundert Kilometer gehen will.“

Das Ziel wird aber nicht nur Santiago de Compostela sein; das Ziel ist auch der Weg selbst. Er wird mir Grenzen aufzeigen und auch Schwächen zu Tage bringen, mir aber auch ein gewisses Vertrauen in eine höhere Macht geben, von der ich die Kraft erbitte, durchhalten zu können, und er wird mir letztlich sportlichen Ehrgeiz und Disziplin abverlangen.

Dann musste ich mich mit der Frage beschäftigen: Was brauche ich auf meinem Weg? Wie viel an Gewicht auf dem Rücken kann ich mir stundenlang, tagelang zumuten? Und dieses Rucksack packen wird zur großen Herausforderung meiner Jakobswegerfahrung. Immer und immer wieder packte ich ein und aus und wieder ein und wieder aus, stellte mich zwischendurch mit vollem Rucksack auf die Waage, um dessen Gewicht zu kontrollieren, um schnell wieder auszupacken und meine Sachen aufs Neue zu sortieren. Und dann fand ich eines Tages beim Stöbern im Internetforum folgende Geschichte:

„Ein Reisender besuchte vor vielen Jahren einen berühmten polnischen Rabbi und sah erstaunt, dass der Rabbi nur in einem einfachen Zimmer wohnte; ein Tisch, eine Bank und ein paar Bücher. „Rabbi, wo sind denn Ihre Möbel?", fragte er.
"Wo sind denn die Ihren?", gab der Rabbi zurück. "Meine? Ich bin doch nur auf Besuch hier, ich bin auf der Durchreise. "
"Genau wie ich ", sagte der Rabbi.“

Wie Schuppen fiel es mir jetzt von den Augen und das Packen wurde plötzlich leicht: Heute gehe ich, was brauche ich heute? Es sollte dies eine wertvolle Erfahrung meines Weges werden: Nur mit dem Notwendigsten unterwegs zu sein, befreit, alles Überflüssige belastet, lenkt vom Wesentlichen ab, ist Ballast, und diese Erkenntnis will ich mir auch für mein Leben nach dem Jakobsweg als "Erleuchtung" in alle Facetten meines Lebens integrieren. Unterwegs zu sein, tagelang, mit allem was man braucht auf dem Rücken, - wie wenig es doch ist - erfordert Gelassenheit und Vertrauen. Es entsteht jenes tiefe Vertrauen, dass für alles, was man benötigt, gesorgt ist. Es ergeben sich immer gerade jene "Zufälle", zur richtigen Zeit am richtigen Ort das zu finden, was man gerade braucht. Es ist die Erfahrung, dass es in und über mir noch etwas gibt, dem ich vertrauen darf, das mich nie im Stich lässt.

Immer wieder stieß ich im Internet auf Berichte von Pilgern, die mich fesselten.

„Viele Pilger sind offen für das Unvorhersehbare, für das nicht Planbare und nehmen die Situation an wie sie ist. Es ist so wie es ist. Entweder man hat die Kraft, die Situation zu ändern, - mit allen Konsequenzen - oder man nimmt sie, wie sie ist, - auch mit allen Konsequenzen - und mache das Beste daraus. Der Pilger macht aus jeder Situation das Beste - ohne Wenn und Aber. Und daraus entsteht Ruhe, die sich ausbreitet, die fühlbar wird in jeder Faser des Körpers. Immer wieder mit seinen Grenzen konfrontiert zu werden, im Bewusstsein, dass alles gut ist, so wie es ist, lässt ihn eintauchen in tiefste Gelassenheit. Gehen, stundenlang, tagelang, bringt den Körper in jene Schwingung, in der sich der Schritt, das Tempo, verselbständigt. Es geht mit ihm, ohne dass ein " ich will " oder " ich sollte " oder " eigentlich müsste ich " sich in das Bewusstsein schiebt. Einfach gehen, gehen, gehen. Und dieses Gehen wird Meditation: Im Gehen sich selber vergessen. Jeden Morgen aufbrechen, nicht genau zu wissen, wo ich Rast machen werde, nicht zu wissen, wo ich schlafen werde. Der Abstand vom Alltagsleben wird Möglichkeiten öffnen, auf den Versuch hin zu leben. Neue Alternativen ergeben sich daraus.“

Bei der Planung gingen mir dann doch viele Gedanken durch den Kopf. Was erwartet mich auf so einem Weg? Wen lerne ich kennen? Bin ich den Strapazen gewachsen und was macht der Weg mit mir? Immer wieder habe ich gelesen, dass Menschen sich auf dem Weg verändert haben. Kann ein Weg in nur wenigen Wochen einen anderen Menschen aus mir machen? Fragen über Fragen, aber die Vorfreude auf das, was vor mir liegt, überwog.

Aber oft musste ich mir auch diese Fragen anhören:

„Was willst Du? Den Jakobsweg pilgern? In deinem Alter. Bist du jetzt ganz übergeschnappt“?

"Wahnsinn!" war mehr oder minder ungeschminkt die Reaktion in meiner Umgebung, wenn ich damit rausrückte, "den Pilgerstab und die Muschel nehmen" zu wollen, um als Pilger zu Fuß - für viele eine Horrorvorstellung - mit fremden Leuten mehrere hundert Kilometer durch Nordspanien zu laufen.

Nur wenige reagierten anders, bewunderten die sportliche Leistung oder schwärmten unter dem Eindruck der umfangreichen philosophischen oder romantischen Pilgerberichte aus den letzten Jahren von einem sicher einmaligen geistigen oder kulturellen Erlebnis, das ich haben werde. Viele werden sich vielleicht aber auch gefragt haben: Warum macht der das? Zu Fuß durch Spanien, ist der noch ganz richtig im Kopf? Auch ich habe mich immer wieder selbst gefragt: Soll ich das machen, schaffe ich das, will ich das?

„Kauf dir einen Hut und vernünftige Schuhe! Bedenke dein Alter, übernimm dich nicht und mach´ nur das, was du auch leisten kannst“.

Alles das waren gutgemeinte Ratschläge meiner Frau, meiner Kinder und auch von Bekannten, bevor ich mich mit immerhin fast 70 Jahren zum ersten Mal auf nach Santiago de Compostela, im Nordwesten Spaniens gelegen, begab. Viele 100 Kilometer Jakobsweg lagen vor mir, ein langer Marsch bis ans Ende der Welt, auf dem sich vielleicht auch die passende Gelegenheit ergeben würde, mich beim lieben Gott dafür zu bedanken, dass er mich auf meinem bisherigen Lebensweg begleitet und beschützt hat. Hatte ich doch gelesen, dass „Pilgern beten mit den Füßen“ bedeutet.
Auch wusste ich, auf was ich mich da einließ. Aber ich wollte es nicht anders, wenngleich ich zugeben muss, dass es manchmal schon sehr anstrengend war. Natürlich hatte ich mich gut vorbereitet, hatte mir die nötige Kondition angeeignet, auch die neuen Wanderschuhe waren eingelaufen. Ich freute sich auf diesen Weg.
„Sieht man zu Beginn des Weges einen „großen Berg“ vor sich, etwa 400 oder 500 Kilometer, denkt man irgendwann: Ich bin schon fast da, nur noch 200 Kilometer, ein Katzensprung. Jeder möchte sein Ziel Santiago de Compostela erreichen; irgendwann weiß man, ich schaffe das. Und irgendwie möchte man ankommen und auch wieder nicht, denn mit der Ankunft ist die Reise ja beendet. Natürlich haben wir uns immer gefreut und waren stolz, wenn die ersten 100 km, ein Viertel oder die Hälfte des Weges geschafft waren, aber dann waren es nur noch 3 Tage bis Santiago, und der, der vorher Schmerzen hatte, verspürte keine mehr, sondern nur noch eine unglaubliche Vorfreude. Plötzlich steht man dann vor der Kathedrale und denkt, das war‘s, man hat sein Ziel erreicht. Die Freude ist groß, Tränen rollen, man ist erschöpft und glücklich und gleichzeitig traurig, weil der Weg beendet ist. Aber ist der Weg wirklich beendet oder beginnt er erst hier? Als ich dann den Vorplatz betrat und die Kathedrale vor mir sah, war ich ergriffen von dem, was ich dort sah; die Menschen lachten und weinten, lagen sich in den Armen, manche lagen sogar auf dem Boden des großen Platzes. Mein "ankommen" war dann, als ich endlich in der Kathedrale war und in einen Pilgergottesdienst in deutscher Sprache "gestolpert" bin, tausende Kilometer von zu Hause entfernt. Das hat mich dann doch tief berührt, ich fühlte mich „angekommen“. Und als ich in der Kathedrale während der Messe auch noch die Nonne habe singen hören, war es wie ein kleines Zusammenbrechen, die vielen Kilometer des Weges fielen mit einem Mal von mir ab, ich musste weinen. Es sind Tränen der Freude, die ich weine und tiefe Dankbarkeit und Demut, die ich fühle.“

Für mich persönlich war das Buch von Kerkeling zwar zunächst der Auslöser meiner Pilgerreisen, später auf dem oft endlos langen Weg ist mir aber der wirkliche Grund aufgegangen: Dankbarkeit. Dankbar dem Herrgott im Himmel, meiner Mutter und meiner Frau gegenüber. Ich glaubte, nicht nur meiner Mutter, die nach dem Tod meines Vaters meine Geschwister und mich in schweren Zeiten nach dem Krieg durchgebracht hatte, sondern auch meiner Frau Rosi, die mit viel Liebe immer zu mir gehalten und mir zwei liebe Kinder geschenkt hat, und ganz besonders dem lieben Gott im Himmel auf diese Art und Weise Dank abstatten zu müssen, weil dieser mich mein ganzes Leben lang beschützt und mir den richtigen Weg gewiesen hat. Vielleicht war da auch viel Glück im Spiel, aber Glück soll ja nur ein Sammelname für Tüchtigkeit, Klugheit, Fleiß und Beharrlichkeit sein.

Im Bekanntenkreis wurde meine Idee, eine Pilgerreise zu unternehmen, als verrückt abgetan.

Unterwegs habe ich außergewöhnliche Abenteuer und physische wie psychische Grenzerfahrungen erlebt. Herbe Landschaften und liebliche Gegenden, karge, weite Landstriche ohne Dorf, dann wieder malerische Orte. Über meine Wanderungen habe ich ein Tagebuch geführt, um diese emotionalen Wechselbäder von euphorischem Glücksgefühl über die Faszination der Landschaft und das Hinauswachsen über die eigenen Kräfte in einem Buch festzuhalten. Meine Perspektive, die durchaus keine katholische ist, vereint die Objektivität eines aufmerksamen Beobachters mit der Begeisterung des jeden Tag neu Aufbrechenden, das Feingefühl eines Naturliebhabers mit einer gewissen sachlichen Darstellung. So möchte ich später den Leser meines Buches zum Begleiter machen und lasse ihn die Ängste, Nöte und Freuden der modernen Pilger miterleben.

Die vielen Etappen waren in unterschiedlichen Kilometerleistungen aufgeteilt. Für die längste Strecke habe ich tatsächlich 8 ½ Stunden gebraucht. Der neun Kilo schwere Rucksack war immer mein Begleiter. Ich übernachtete in Hotels und auch in kleineren Hostals unterschiedlichster Kategorie.

Wenn man mich heute fragt, ob ich den Jakobsweg noch ein weiteres Mal gehen werde, lautet meine Antwort: Nein, aber meine Seele wird die Wanderschuhe noch lange nicht ausziehen, davon bin ich überzeugt. Ich werde versuchen, weiterhin als Pilger durch den Alltag zu gehen, immer voran, der Weg ist das Ziel.

Seit Jahren habe ich mich mit dem Jakobsweg beschäftigt. Auf meinen Pilgerreisen durch Spanien habe ich den Pilgerweg kennen gelernt und erfahren, dass dieser Weg ein sehr wertvolles Lernfeld für das Leben sein kann. Der jeweilige Weg selbst, die Bekanntschaft von Menschen unterschiedlicher Kulturen und die mit meinen Mitpilgern überstandenen Anstrengungen und Strapazen, aber auch erlebte Überraschungen und glückliche Momente führten zu bleibenden und innigen Freundschaften. Das alles waren Bereicherungen für mein Leben, welche ich nicht missen möchte. Die Pilgerreisen auf dem Jakobsweg haben jedoch, auch wenn es häufig anders beschrieben wird, bei mir nicht zu wesentlichen Änderungen in meiner Lebensweise geführt. Ich bin den Jakobsweg nicht gegangen, um etwas zu suchen, sondern um auf diese Weise meinen Dank auszudrücken den Menschen gegenüber, die mir etwas bedeutet haben und bedeuten, nicht zuletzt auch dem Herrgott im Himmel. Er war es, der mich sowohl auf meinem bisherigen Lebensweg als auch auf meinen Jakobswegen geführt, begleitet und beschützt hat.

Auf dem Weg fiel ich bei den monotonen Schritten oft in eine Art Meditation, entweder war mein Kopf ganz leer und ich dachte an gar nichts, oder die Gedanken hüpften querfeldein und es ging mir ganz viel durch den Kopf. Worauf kommt es an? Hat mich der Weg verändert? Ich weiß es nicht und weiß es doch. Ich bin noch immer ich selbst. Aber der Weg ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Er gibt mir Stärke und Zuversicht. Man kann mehr als man denkt, man muss sich nur trauen und egal, ob man sein Ziel erreicht oder die Reise abbricht, man hat es versucht. Scheitern ist doch nur, es aus Angst nicht zu schaffen, daheim zu bleiben. Jeder, der sich auf den Weg gemacht hat, ist ein Sieger, und auch wenn Santiago de Compostela das große Ziel der Reise ist, irgendwann kommt es nicht mehr darauf an, wie viele Kilometer es waren. Innerlich war meine Reise manchmal bereits früher beendet, ich hätte nicht mehr weiterlaufen „müssen“. Ich fühlte mich angekommen, auch wenn ich mich noch zig Kilometer vor Santiago befand, und dennoch bin ich weitergelaufen, aber innerlich hätte ich bereits vorher mit gutem Gewissen meinen Weg beenden können.

Ich bin ihn gepilgert, den Jakobsweg. Und das nicht nur einmal. Jetzt, mit 75 Jahren, soll Schluss sein damit. Ich habe es meiner Frau versprochen, die mich immer wieder schweren Herzens hat losziehen lassen. Nicht wissend, was mir passieren wird auf dem langen Weg. Hoffend, dass ich gesund zurückkommen werde. Und dass ich es bin, der zurückkommt. Denn der Jakobsweg kann den, der ihn geht, verändern.

Man muss unbeschwert auf Pilgerschaft gehen. Das ist durchaus doppeldeutig gemeint. Denn weder auf dem Rücken noch auf der Seele darf mich eine schwere Last niederdrücken. Denn die Wege ziehen sich nicht selten unendlich dahin und waren manchmal auch sehr einsam. Der große Run setzte vor allem westlich von Leon und vor allem in Galicien ein.
Der Pilgerweg ist auch ein Weg zu sich selbst, auf den vielen hundert Kilometern wird man auf sich selbst zurückgeworfen, muss sich mit sich selbst und seinem Leben auseinandersetzen. Auf einer Pilgerreise kann man einfach mal seinen eigenen Gedanken „nach gehen“. Schritt für Schritt. Und genau das ist es, was pilgern so unglaublich interessant macht. Man kann allem entfliehen, wenn man sich darauf einlässt, insbesondere der ständigen Abhängigkeit von multimedialer Bespielung aller Art von Technik und Elektronik. Man ist ganz in der Natur, ganz für sich allein. Und es ist möglich, Gott zu begegnen. Man kann ihm danken, ihn um Vergebung bitten, Buße tun. All das, wofür man vielleicht im ständigen Stress bisher nicht die Zeit gefunden hat. Aber auch für Nichtgläubige bietet pilgern eine wundersame Art der geistigen Erholung. Gerade weil man über seine Probleme nachdenken kann. Und weil man es schafft, auch mal Zeit nur mit sich selbst zu verbringen, nur sich selbst zuzuhören, sich um sich selbst zu kümmern. Am Ende dieses Weges nach Santiago habe ich genau dafür gedankt. Dass ich mich ganz auf mich konzentrieren konnte. Und dass sich Freundschaften auf diesem Weg gebildet haben, gerade weil man die Menschen, mit denen man unterwegs ist, auf eine ganz besondere Art kennenlernt.
Auf dieser Pilgerschaft war ich einfach dankbar für das, was ich geschafft habe. Dafür, dass ich nun weiß, wenn ich mir etwas vornehme, dann schaffe ich das auch, egal wie groß die Schmerzen am Ende sein werden, egal wie anstrengend es sein wird, egal auf wie vielen Umwegen man läuft, man kommt am Ende immer irgendwie ans Ziel.

Wegen dieser einmaligen Erlebnisse, die so auch alle anderen Mitpilger erlebt haben, mit den Anstrengungen, den Hindernissen, denen man sich stellen kann, wegen der Zeit, die man für sich hat und der Ruhe, die man findet, deswegen denke ich, dass pilgern etwas ganz Besonderes ist. Man muss es ausprobiert haben.
Aber warum tut man sich das an? Warum opfert man Zeit und Geld, um sich Kilometer um Kilometer seinem Ziel entgegen zu quälen? Übernachtet teils in primitivsten Unterkünften? Religiös motiviert sind moderne Pilgerreisen kaum mehr. Auch ich ließ mich durch andere Antriebe leiten. Zwei Dinge waren es hauptsächlich, die mich motivierten. Ich bin zum einen aus Dankbarkeit gepilgert. Dadurch habe ich Zuversicht und Ausdauer für den mühsamen Weg gewonnen.

Natürlich ist da noch der andere Aspekt, die Herausforderung. Ich setze mir Ziele, und die erreiche ich auch. Aufgeben, bloß weil das Knie etwas schmerzt oder weil Regen um einen tobt und die Kleider lange nicht trocknen? Für mich undenkbar. Es gab nur zwei Gründe, die mich zum Aufgeben hätten zwingen können: Die Gefährdung meiner Gesundheit und tiefe Sorge um die Familie. Und dann sind da die Erfahrungen und Erlebnisse, die ich auf dem Weg hatte und nicht missen möchte. Diese Erfahrungen trage ich zurück in den Alltag. Die Grenzerfahrungen in Bezug auf meine körperliche Leistungsfähigkeit, meine geistige und seelische Belastbarkeit begleiten mich zurück in mein Leben und geben mir festen Boden unter den Füssen. Einen Boden, der stark genug ist, mich und meine Nächsten zu tragen.

Nach der Rückkehr ist dann viel Zeit notwendig, die Tagebücher zu lesen und Fotos zu sortieren, zu erzählen oder Vorträge zu halten. Den Weg wirken lassen, denn pilgern wirkt nach, weit in die Zukunft hinein. Pilgern heißt zurückkehren, aber als von Gott Verwandelter. Welchen Wandlungsprozess habe ich im Laufe der Zeit erfahren?

Wer gepilgert ist, hat an Gottvertrauen gewonnen, lässt sich auf Wege ein, die beim Gehen kommen, braucht weniger Sicherheiten, teilt mit Fremden und ist Teil einer neuen Gemeinschaft. Wer gepilgert ist, hat die Natur als Schöpfung Gottes wahrgenommen und geht anders mit ihr um. Was trifft für mich zu? Was soll bleiben. Eine jeweils persönlich zu beantwortende Frage, die nicht dem Zufall überlassen bleiben sollte. Ich bleibe frei, mich zu entscheiden, Pilger sein und bleiben im Alltag.

Auf Geburtstagen oder sonstigen Feiern erzähle ich von meinen Erlebnissen auf den Jakobswegen und man fragte mich, ob ich denn über das Erlebte nicht mal ein Buch schreiben wolle. Das hat mich nachdenklich gestimmt, und so setzte ich mich an meinen Schreibtisch und begann, alle meine Erlebnisse und Gefühle niederzuschreiben. Meine vielen Tagebücher, die ich auf dem Weg hier und da schrieb, dienten mir als Vorlage und der Ordner mit den chronologisch nach Tagen sortierten Fotos im Laptop war geöffnet. Ab und zu klicke ich auf eins, um die Großansicht zu öffnen. Da sehe ich einen Pilger neben einer Pilgerstatue auf einer Bank sitzen, und es sieht so aus, als wenn beide viele Kilometer hinter sich hätten und hier etwas ausruhen wollen. Den Pilgerstock haben sie noch in der Hand, nur zur Sicherheit, damit sie vor Schwäche nicht von der Bank fallen. Ein kleines Lächeln erkenne ich in ihrem Gesicht und es scheint, als ob sie sich nach einem anstrengenden Weg voller Strapazen schon wieder etwas erholt hätten. Ich betrachte eine Weile das Foto, denn einer dieser beiden Pilger bin ich auf einem der langen Wege nach Santiago de Compostela. Ich bin wieder zurück von meinen Pilgertouren, wo ich teilweise wochenlang auf dem Jakobsweg zu Fuß gepilgert bin. Ich schaue in das lächelnde Gesicht auf dem Foto, und irgendwie kommt es mir vor, als wäre das dort ein ganz anderer Mensch in einem ganz anderen Leben. Aber das bin ich, derselbe Pilger, Jahrgang 39, der gerade im Hier und Jetzt dieses Bild betrachtet. Und - ja, nach einer Weile finde ich mich wieder in dem Lächeln.

Wenn ich so zurück denke, weit zurück, wenn ich die Augen schließe oder aus dem Fenster in den Himmel schaue, dann dauert es nicht lange, und vieles wird wieder präsent in mir: Das sehr frühe Aufstehen sowohl in den Hostals als auch aus einem der vielen Doppelstockbetten in den Pilgerherbergen. Das leise Zusammenpacken meiner Habseligkeiten in den Herbergen, damit ich die noch schlafenden Pilger in dem engen Schlafsaal um mich herum nicht aufwecke. Das Packen meines Rucksacks im Aufenthaltsraum, wo sich schon weitere Pilger aus vielen Ländern der Erde ebenfalls bereit zum Aufbruch machen. Alle wie auch ich unwissend, was dieser neue Tag auf dem Jakobsweg wohl bringen mag. Werde ich ein freies unteres Bett im Doppelstockbett bekommen oder muss ich in einem teuren Hostal übernachten? Was und wo werde ich essen oder duschen und meine Wäsche waschen können? Werde ich an meine körperlichen Grenzen kommen oder eine unglaublich erfüllte Zeit haben?

Jetzt klicke ich ein Bild nach dem anderen an, es scheinen alles Erinnerungsfotos für die Ewigkeit zu sein. Dann schaue ich mir wieder ein Bild in Großansicht an und ich sehe einen Pilger, lässig gestützt auf seinen Stöcken. Der Pilgerhut zum Schutz gegen die Sonne ragt etwas in sein Gesicht, man sieht auch hier wieder ein kleines Grinsen. Es geht ihm offensichtlich gut. Auch er macht wohl eine kleine Pause, um danach seinen Weg fortzusetzen.

Und immer wieder kommen beim Betrachten weiterer Bilder Erinnerungen in mir hoch, als wenn alles gestern gewesen wäre. Wunderschöne Landschaften, aber auch triste asphaltierte Vorortstraßen. Besondere unglaubliche Glücksmomente, manchmal auch Schmerzen. Sonnenschein, auch mal Regen. Schwieriges Geröll, feiner staubiger Sand, sanfter Waldboden oder tiefer Matsch. Das Aufbrechen mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne oder manchmal sogar noch früher, das Geräusch meiner Schritte auf dem Weg, wissend, dass man eben wieder da ist, wo man hin will: Auf dem Jakobsweg.

So viele Momente ziehen beim Ansehen der Bilder an mir vorbei, und ich kann mich wieder so intensiv in sie hineinfühlen. Momente der verkrampften Anspannung, Augenblicke eines unfassbaren und eigentlich doch unbeschreiblichen Glücksgefühls: Das Gefühl, unglaublich reich und gnadenvoll beschenkt zu sein, obwohl alles, was ich gerade bei mir habe, Platz in einem Rucksack hat. Gefühle der aufkommenden Verzweiflung, der tiefen Demut, der überschäumenden Freude, der Dankbarkeit über einfache Dinge wie frisches Wasser oder gar ein kühles Bier, ein weiches Bett oder die Gemeinschaft netter Menschen, Gefühle der Gewissheit, gerade etwas zu erleben, was mich ein Leben lang prägen wird. An all das und noch so viel mehr erinnern mich die lächelnden Gesichter unter dem Schlapphut auf dem Laptopbildschirm vor mir.

Erfüllt mit diesen Erinnerungen, in denen ich gerade unterwegs war, kehrt jetzt unweigerlich ein kleines, flüchtiges Lächeln auf mein Gesicht zurück. Der Kerl auf den Fotos und ich haben also doch noch was gemeinsam. Wir scheinen uns doch noch nicht ganz fremd geworden zu sein.

Und dann erinnere ich mich daran, dass mir mal geraten wurde, doch einen Vortrag über alles, was ich auf dem Camino erlebt habe, zu halten. Das könnte doch eine Menge Leute interessieren. Im selben Moment bekomme ich einen Schrecken und mir wird ganz anders, denn dann hätte ich aber ein Problem. Wie kann ich all das, all diese Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle dieser unfassbar intensiven Tage jemals in einem Vortrag unterbringen? Ein Vortrag von mir, der unterhalten und nicht langweilen soll?

Wie viel soll ich über Jakobus und das Pilgern allgemein erzählen? Könnte es interessant sein, was ich so alles an Ausrüstung mitgenommen hat? Soll ich streng chronologisch, also Tag nach Tag von meiner Reise berichten? Oder nur die Highlights? Ja natürlich, die besonders intensiven Momente, das wollen die Leute hören! Hat das nicht Kerkeling auch schon so gemacht?! Kann ja nicht so verkehrt sein. Aber welche? Wie soll ich aus all diesen Tagen auf dem Weg nur einige wenige Momente herausgreifen und dann wissend, dass ich zugleich so viele andere Augenblicke wegfallen lassen muss. Wie kann ich ohnehin den Menschen erzählen, was mich in diesen Tagen und Wochen so berührt, wütend, demütig, traurig, überglücklich oder nachdenklich gemacht hat?

Diese Bedenken teilte ich einem anderen Pilgerbruder mit. Ich schrieb ihm als jemand, der auch wie ich mehrmals auf dem Camino unterwegs war und dessen Vorträge ich besucht hatte, in einer eMail über dieses Gefühl, irgendwie nicht zu wissen, wie ich all das Erlebte und die Gefühle rüber bringen könne. Und die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie lautete:

„Viel Glück für Deinen Vortrag, wobei – Glück ist nicht notwendig, sprich einfach aus Deinem Herzen, beschreibe, wie Du Dich gefühlt hast. Vergiss nicht, etwas Humor zu Deinen Geschichten hinzu zu tun. Ein Lächeln ist eine andere Tür zum Herzen. Es wird schon alles gut werden“!
So leicht soll das sein??

Mein Blick fällt wieder auf das Foto des grinsenden Pilgers im Dreitagebart mit Schlapphut. Und dann ist es wieder da, dieses Lächeln in meinem Gesicht. Nicht auf dem Foto, sondern im Hier und Jetzt vor meinem Laptop. Ich kann es selbst nicht sehen, aber ich spüre es. Ein Lächeln, das ich nicht für irgendwas oder irgendwen aufsetzen muss, weil es von ganz, ganz tief in meinem Inneren kommt. Ein Lächeln, das die Wurzel in einem Traum, nein, in einer Sehnsucht hat und auf so unglaublich intensive Weise wahr geworden ist.

Und wieder gehen meine Gedanken ganz weit zurück. Zurück zu den Momenten, als ich das erste Mal durch das Buch von Hape Kerkeling auf den Jakobsweg aufmerksam geworden bin. Unwissend, wie lange es dauern würde, die Planung für mein Vorhaben, auch den Jakobsweg zu gehen, abzuschließen und über wie viele Wege und Umwege ich gehen muss, bis ich die Kathedrale in Santiago de Compostela erreichen würde.

Es war ein langer Weg, auf dem mir nicht immer zum Lächeln zumute war, aber es war mein Weg. Würde ich rückblickend diesen Weg noch einmal genau so gehen in dem Wissen, dass er mich trotz all jenen Windungen und Rückschlägen schließlich zum Ziel bringt? Ja! Das Ankommen in Santiago und am Kap Finisterre hat mich tief beeindruckt und anscheinend auch nachhaltig geprägt.

Was ist also ganz konkret von meinen Pilgerreisen geblieben? Immer noch eine unglaubliche Dankbarkeit, dass ich das erleben und schaffen durfte, mehr Demut als Stolz. Immer noch eine tiefe Gelassenheit gegenüber vielen Dingen, die sich mir in den Weg stellen, welche ich aber nur zum Teil oder vielleicht überhaupt nicht ändern kann. Erinnerungen und unzählige Bilder in meinem Kopf, die mir nicht mehr genommen werden können. Meine Tagebücher voll mit Gedanken und Berichten von Weggefährten, von sonderbaren und unerwarteten Begegnungen.

Sie alle sind ein Anker mit unterschiedlichen Gefühlen und Emotionen auf diesem Weg, ein Portal, durch das ich schreiten kann, wenn es mir einmal nicht gut geht und die Möglichkeit besteht, dass ich Dieters Leitspruch: „Es kommt, wie es kommt“ aus den Augen verlieren könnte. Und besonders: Zufriedenheit mit kleinen Dingen und ein großes "Urvertrauen". Wenn ich mich auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch setze und meine neue Jakobswegwand mit den Pilgerurkunden betrachte und dann zur Kathedrale auf dem Poster eines riesigen Wandkalenders schaue, dann ist das Gefühl wieder da, wie damals, als ich nach der Pilgermesse die wenigen Stufen zur Jakobusbüste hoch ging und sie umarmte. Es ist, als flüstere Jakobus noch immer: "Vertrau einfach". Und ich sehe bisher keinen Grund, es nicht zu tun. Wie oft habe ich auf den vielen Kilometern blind vertrauen müssen, teils gegen allen Anschein. Und nie wurde ich im Stich gelassen. Immer gab es eine Lösung, einen Weg.

Viele Oberflächlichkeiten um mich herum stören mich heute mehr als vorher: Ich erlebe, wie man sich teils wegen Kleinigkeiten aufreibt, sich das Leben schwer macht und von Quellen tiefer Zufriedenheit und Gelassenheit so krass weit entfernt ist. Obwohl man doch eigentlich alles hat, was man braucht. Und noch viel mehr. Ich hatte auf dem Camino so wenig, und war doch so glücklich. Wie sehr wünsche ich anderen Menschen, diese tiefen Erfahrungen mal selbst machen zu können. Es bleibt: Man kann so vieles vom Camino einfach nicht in Worte fassen.

Mir ist heute mehr denn je bewusst, welche wundervollen Menschen ich auf dem Camino traf. Menschen, die sich unter Grundsätzen der Pilgerei wie Offenheit, Wandel und Einfachheit begegneten und sich damit gegenseitig eine Umgebung schufen und diese als so enorm beglückend und bereichernd wahrgenommen haben. Demgegenüber registriere ich, wie selten solche Menschen im "Alltag" zu finden sind. Man könnte sagen: Vielleicht sind sie nur auf dem Camino so? Glaube ich aber nicht, zumindest nicht bei den Menschen, die mir auf meinem Weg wichtig wurden.

Für das, was in den Tagen auf dem Jakobsweg passiert ist, kann und werde ich niemals nur annähernd die richtigen Worte finden, um all das auszudrücken, was ich erlebt und erfahren habe und was mir geschenkt wurde. Es war einfach der Wahnsinn. Jeder Tag eine eigene Geschichte. Manche gute, manche weniger gute. Viele wunderschöne, einige anstrengende und schwierige. Körperlich anstrengend, aber auch mental. In der Begegnung mit anderen, und vor allem mit mir selbst. Und insgesamt eine große Geschichte mit dem Erreichen der Kathedrale und schließlich am Kilometerstein 0.0 am Kap Finisterre angekommen zu sein. All dies ist wohl nicht zu toppen.

Auf der einen Seite war es ein Traum, diesen Weg zu gehen. Dass ich es dann bis Santiago de Compostela geschafft habe, hätte ich nicht für möglich gehalten. Auf der anderen Seite ist es natürlich schade, dass diese wunderschöne, intensive sowie erfahrungsreiche Zeit zu Ende ist. Und weil es, wie schon erwähnt, doch sehr schwer für mich ist, alles bis ins Einzelne in Worte zu fassen, welche dann vielleicht die Zuhörer gnadenlos durch Fotos und Fakten überfrachten würden, habe ich den Plan, einen Vortrag zu halten, doch lieber verworfen und stattdessen einfach das, was meine vielen Pilgertagebücher über meine Pilgerschaften auf den Jakobswegen in Spanien hergaben, in einem Buch niedergeschrieben.





26.08.2012